…was passiert, während man anderes plant.

Am heutigen Morgen ist der Himmel leicht bedeckt. Diesmal ist es die Brandung, die uns weckt. Das Meer hört sich an diesem Ort immer wieder unterschiedlich an. Obwohl es hier scheinbar weder Riesenwellen, noch Kaventsmänner gibt, wirken die Wellen, die an den Strand schlagen, wie Kunstwerke aus purer Energie. Sich bewusst zu machen, dass Wasser nicht in der Horizontalen fließt, sondern bloß auf und ab, mag man beim Anblick nicht glauben. Dass sich vor allem Energie und nicht Materie bewegt, ist kaum vorzustellen. – An manchen Tagen laufen die Wellen in langen Schwüngen am Strand aus. Heute krachen sie förmlich an den Strand. Die Energie des Meeres ist noch mit Abstand spürbar.

Schwimmen ist heute entsprechend mühsam, doch es lohnt sich. Sobald ich zurück am Strand bin, habe ich das Gefühl ein Schalter wurde umgelegt, plop glücklich. – Ich freue mich auf die kalte Dusche. Es ist schon schräg, wie sich Prioritäten verschieben, wie sich meine Anspruchshaltung verschiebt, wie sich mein Gefühl für Glück verschiebt. So sehr ich die warme Dusche und noch mehr die heiße Badewanne in Köln genossen habe, so sehr genieße ich nun die kalte Dusche, nach dem noch kälteren Atlantik. Der Kaffee danach, im Bulli, ist nicht einfach nur ein Kaffee, er ist eine Heizquelle. Die Tasse mit dem Händen zu umfassen, sie so zu wärmen, ist etwas besonderes. Plötzlich ist etwas so Banales eine Bereicherung.

Ich nutze den Augenblick und lese noch ein wenig in meinem Bretagne-Krimi. – Was mir daran so besonders gefällt, ist die Art, wie Inspector Dupin Restaurants, Lokale und Lokalitäten beschreibt. Hier eine kleine Leseprobe, aus seinem fünften Fall, bretonische Flut:

„Am Meer war der Himmel immer weit, gigantisch weit, ja, aber hier auf der Insel wirkte er noch weiter, noch höher, er bläht sich, reckte, streckte, dehnte sich überall hin, selbst der gewaltige Atlantik geriet unter ihm bloß zu einem schmalen blitzenden Streifen. Wie bei einem starken Weitwinkelobjektiv, durch das man im Liegen blickte, genau dieser Effekt war es, dachte Dupin. Und dieser Eindruck, das stand fest, gehörte zu denen, die der Insel ihre besondere Atmosphäre verliehen. Es war ein Gefühl unendlicher Weite, dass einen zugleich ganz klein werden ließ – und frei. Seltsam frei. Gefährlich frei vielleicht.”

Auch ich fühle mich in diesem Moment frei, der Tag verspricht gut zu werden. Für heute ist gemeinsames Kochen mit Anja und Michael geplant. Es soll wilden Spargel mit Gambas geben. Schön mit Knoblauch, ein wenig scharf. Ich freue mich, doch …

Torgit, die einen kurzen Spaziergang machen wollte, kommt plötzlich hektisch zum Bulli zurück. Die GNR, die Republikanische Nationalgarde ist da und fängt an, den Strandabschnitt zu räumen. So schnell kann ein Gefühl von Freiheit verfliegen. – Der ideale Zeitpunkt?  Leider auch nicht. – Wir haben alles draußen stehen, was man nur draußen stehen haben kann, Solartasche, unseren Spül, Dusche, SUP zu guter letzt die Fahrräder, welche an einem Baum angeschlossen sind. – Wenn wir nicht verwarnt werden wollen, und das wollen wir nicht, gilt es sich zu sputen.

Jetzt bewährt sich, dass wir einen Plan B haben. Torgit und ich haben die Abläufe, zu mindestens in der Theorie, durchgespielt. So schnell, haben wir noch nie alles ein und zusammengepackt. – Das Dach runter, und ausgeparkt. In der Theorie führt auch auf der anderen Seite ein weiterer Weg aus dem Wald. Ich weiß, dass Etienne diesen häufiger nutzt. Doch er fährt ein Land Rover, wir einen Bulli. Ich vertraue meinem Gefühl, und riskiere es, nur schön auf dem Gas bleiben. Es gelingt. Auf der anderen Seite des Waldes treffen wir auf einen grinsenden Etienne.

Über einen Umweg fahren wir erst mal zum Lidl Parkplatz. Hector geparkt und erst einmal aufgeräumt. Dann kaufen wir zum Frühstück ein. Inzwischen füllt sich der Parkplatz mit Campern. Nur wenige haben es wie wir geschafft, rechtzeitig rauszukommen. Die meisten kamen auf eine Liste. Torgit ist sich sicher, es lag an unserem Glauben, dass wir es geschafft haben. – Ich behaupte, wer mit den Schmuddelkindern spielt, muss auch rennen können, wie die Ratten.

Wir befinden uns im Jahre 2019 nach Chr., um es genau zu sagen, am 18.12. – Ganz Praia de Loulé ist von der GNR geräumt … Die ganze Praia?

Nein! Ein, von einem unbeugsamen Oranje bevölkerter DAF, hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Warum ich die Einleitung aus Asterix benutze? – Ihr solltet unseren Nachbarn einfach mal sehen. In seinem Kilt wirkt er nicht nur wie ein Gallier, sein DAF hat auch Hörner. – Er ist heute zum vierten Mal aufgeschrieben worden. Doch bisher wurde er komischerweise immer nur verwarnt. Als einziger ist er nicht einmal weg gefahren. Nur den Motor seines Ungetüms hat er angelassen. – Vielleicht liegt es an seinem Fahrzeug, vielleicht an ihm, vielleicht hatte die GNR auch nur Sorge, er schmeißt mit Hinkelsteinen. Wir wissen es nicht. – Doch bisher ist immer alles gut gegangen.

Kaum stehen wir auf unserem alten Platz, kommt auch das Gefühl der Freiheit zurück. – Später erscheint noch das ein oder andere bekannte Gesicht. Auch Etienne ist wieder dabei. – Statt Gambas gibt es heute Bratkartoffeln mit Salat. Nicht geplant, dafür extra lecker.

Als ich einen Abendspaziergang unternehme, ist es ruhig geworden auf der Klippe. – Insgesamt haben nur vier Vans ihren Weg zurück gefunden. – Anja und Michael gehören nicht dazu. – Doch sie sind alte Streiter, um die wir uns sicherlich keine Sorgen machen müssen.

Erkenntnis des Tages: Ein eingespieltes Team ist durch nichts zu ersetzen. – Veni, vidi, vici

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